Zweckverband für Rettungsdienst und
Feuerwehralarmierung Nordoberpfalz

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Meldung vom 30.06.2013
Notruf aus der Hosentasche

30.06.2013 - Die Integrierte Leitstelle (ILS) ist ein regelrechtes Trumm an Technik. Vor jedem der Arbeitsplätze, an denen die Mitarbeiter die Notrufe der Region entgegennehmen, flirren sechs Bildschirme. Auch an den Wänden davor hängen Monitore, damit alle stets die wichtigen Daten im Blick haben. Damit sie so schnell wie möglich reagieren können, wenn es rot blinkt. Wenn jemand die 112 gewählt hat. Wenn die ILS abhebt. Und wenn am anderen Ende der Leitung – ein ganz offensichtlich verliebtes Pärchen leidenschaftlich stöhnt.

ILS_Meyer_2013Von Tierfreunden, die sich Sorgen um ihren Kanarienvogel machen, bis hin zu Menschen, die einen Mantel bei der ILS bestellen, weil sie meinen, bei Witt Weiden in der Leitung zu sein - es gibt zahlreiche, fast unglaubliche Geschichten, die stellvertretender Leitstellenleiter Jürgen Meyer erzählen kann. Ein falsches Bild sollte deshalb nicht entstehen: Zum weit überwiegenden Teil nimmt die ILS natürlich Notrufe entgegen.


Jürgen Meyer muss grinsen. Der stellvertretende Leiter der ILS Nordoberpfalz wurde selbst schon zweimal unfreiwillig Ohrenzeuge einer Situation „– Wie sagt man da? –, in der man gerne ungestört ist“. Meyer ist damit keine Ausnahme. Auch die anderen Mitarbeiter kennen das: dass Menschen in ihrer Leidenschaft – ohne es zu wollen und zu merken – ihr Handy derart unglücklich bewegen oder drücken, dass es den Notruf anwählt.

Lust oder Schmerz?
„Hosentaschen-Anrufe“ nennen sie bei der ILS diese Missgeschicke. Weil das Mobiltelefon eben oft in der Jeans oder Anzughose steckt, wenn es versehentlich aktiviert wird – was natürlich bei Weitem nicht nur während des Liebesspiels, sondern in allen nur erdenklichen Situationen passiert. Und das erstaunlich häufig. Seit dem Start der ILS im April 2012 verzeichneten die Mitarbeiter rund 13 000 solcher Anrufe. Das macht 32 täglich. Und das macht, so komisch die Geräusche manchmal auch sein mögen, ein ernstes Problem, sagt Meyer. Denn die Mitarbeiter wissen natürlich nicht, ob jemand unabsichtlich anruft oder nicht. „Sie müssen erst mal klären, ob das Stöhnen aus Lust ist – oder wegen eines Notfalls.“ Ob sie nur eine gepresste Stimme hören, weil sich das Telefon in der Hosentasche während eines normalen Tischgesprächs selbstständig gemacht hat – oder weil der Anrufer zusammengeklappt ist und kaum mehr die Kraft hat, sich zu artikulieren.

Mit Schlimmstem rechnen
Sie müssen also immer vom Schlimmsten ausgehen und mehrfach nachfragen – es könnte ja doch ein Ernstfall dahinterstecken. Und das kostet Zeit, die womöglich für ernste Fälle fehlt. „Du sagst dreimal ,Hallo‘, und die nächste Leitung wartet schon – und da kann ein echter Notruf sein“, erklärt Wolfgang Maier, Schichtleiter bei der ILS. Jürgen Meyer appelliert deshalb, darauf zu achten, dass die Tastensperre am Handy stets eingelegt ist. Es könnte auch helfen, die vorprogrammierte Notrufnummer zu löschen (oder sie zumindest nicht an erster Stelle im Handy-Telefonbuch abzuspeichern) – und sie sich stattdessen selbst zu merken. Auch die Handys in speziellen Schutzhüllen aufzubewahren, ist sinnvoll.

ILS_Schöner_2013_ELP2
Was tun, wenn ein Hund in der Leitung ist, weil er beim Spielen mit dem Handy des Frauchens den Notruf aktiviert hat? Disponent Thomas Schöner und seine Kollegen bei der ILS Nordoberpfalz sind regelmäßig mit solchen Situationen konfrontiert.

Hund ruft an
Immerhin: Ein wirklich ernstes Problem für den Betrieb der ILS sind die „Hosentaschen-Anrufe“ und andere fehlgeleitete Telefonate nicht. Mitunter sind sie ja auch lustige Abwechslungen im sonst eher ernsten und psychisch belastenden Berufsalltag. Die Mitarbeiter, die jeden Anruf protokollieren müssen, tragen dann Sätze ein wie: „Kind mit Telefon gespielt.“ Oder: „Hundegebell und Beißen am Telefon waren zu hören.“ Während aber jeder, der die ILS mutwillig für einen Streich, einen bewussten Fehlalarm oder Ähnliches anwählt, mit Sanktionen und teils sehr hohen Kosten für die dadurch ausgelösten Einsätze rechnen muss, gilt dies für „Hosentaschen-Anrufe“ nicht. Weil dahinter keine Absicht steckt, drohen erst einmal keine Konsequenzen. Wenn dieselbe Nummer häufiger auf dem Display erscheint, rufen die Mitarbeiter allerdings auch mal zurück und geben einen dezenten Hinweis. Nur bei Extremfällen – wie zum Beispiel am 31. Mai, als eine Nummer zwölfmal anrief – gibt es einen Brief an den Handybesitzer mit der Bitte, künftig sorgfältiger zu sein, und der Androhung einer Anzeige.

ILS_Deinl_2013_600Kaffeeklatsch live
ILS-Telefonisten Sabine Deinl und die Mitarbeiter der ILS versuchen also, sich weitgehend damit zu arrangieren, dass sie auch mal Menschen zuhören müssen, die mitunter recht viel mit ihrem Hund beim Gassigehen sprechen. Oder einer Frauenrunde beim Kaffeeklatsch, die ihre Beziehungsprobleme durchwälzt. Wobei, es könnte im Lauf der nächsten Jahre weniger werden. Meyer jedenfalls geht davon aus, dass „Hosentaschen- Anrufe“ vor allem von älteren Tasten-Handys kommen – Knöpfe werden eben leicht unabsichtlich gedrückt. Hinzu kommt, dass sich bei solchen Geräten die 112 oftmals auch trotz aktivierter Tastensperre anwählen lässt. Solche Handys werden aber zunehmend von Smartphones abgelöst, die ja keine Nummerntasten eingebaut haben. Es ist also nicht ganz unwahrscheinlich, dass sich die ILS-Mitarbeiter mittelfristig wieder mehr auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren können. Und Pärchen in Situationen, in denen sie ungestört sein wollen, das auch bleiben.

Bericht: Franz Kurz

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