Zweckverband für Rettungsdienst und
Feuerwehralarmierung Nordoberpfalz

Sie befinden sich hier > Nachrichten > Archiv
Meldung vom 21.09.2010 14:39:35
RD Reportage: Samstagnacht in Washington, D.C.

22.09.2010 - Washington. „Wollen wir zur Schießerei fahren?“ Craig denkt laut nach, überlegt nicht lange und schaltet die Sirene ein. Fünf Minuten später im Vorgarten einer heruntergekommenen Siedlung. Eine 45-Jährige sitzt auf der Treppe, eine 9mm-Kugel steckt in ihrer Schulter. Eine weitere Frau liegt hinter dem Haus, das Geschoss hat ihren Knöchel durchschlagen.  Überall Polizei, gelbes Absperrband, Blut. Es sieht aus wie in einem US-Krimi. Doch das ist real – es ist Samstagnacht in Washington, D.C..

 
Captain Craig Callaway bei der Arbeit. Der 51-Jährige ist Paramedic bei der Feuerwehr in der Hauptstadt der USA. Die Kompetenzen der US-Rettungsassistenten scheinen sehr weitreichend, obwohl die Ausbildung fast ähnlich ist wie sie deutsche Rettungsassistenten bekommen. Doch Paramedics sind an feste Vorgaben bei der Versorgung gebunden.

Captain Craig Callaway ist  „EMS Supervisor” der Feuerwehr in der US-Hauptstadt. 24 Stunden dauert die Schicht des 51-Jährigen. In dieser Zeit ist er in seinem Bereich Einsatzleiter, Rettungsdienst-Chef, Problemlöser und vor allem Paramedic.

In den USA gibt es kein Notarzt-System wie in Deutschland. Paramedics übernehmen hier die Aufgaben. Sie legen Infusionen an, intubieren, geben Medikamente. Alles nach festen Abläufen, dem „protocol“. Brauchen sie ärztlichen Rat, gibt es den per Funk. Zwei Jahre dauert die Ausbildung – genauso lange, wie die Rettungsassistenten-Ausbildung in Deutschland. Die Inhalte sind fast identisch.

Seit Stunden ist er mit dem bulligen Einsatzfahrzeug unterwegs. Mal einen Rettungswagen fremd starten, dann in einem Krankenhaus vermitteln, weil die Oberschwester genervt über die vielen Patienten war. Zwischendrin ging es zu einer älteren Dame, die nicht in der „Ambulance“ mitfahren wollte. „Ich leiste Überzeugungsarbeit, zur Sicherheit der Sanitäter“, erklärt Craig. Per Laptop im Fahrzeug hat er immer das Einsatzgeschehen im Blick. Dank GPS weiß die Leitstelle zudem immer, wo wir sind.

Die brütende Hitze macht ihm zu schaffen. Kurzer Stop an einem Supermarkt, einen "Slurpee" kaufen. "Wenn es so heiß ist, trink ich meistens viel zu viel von dem eiskalten Zeug", sagt er. Er schafft nur einen Schluck, dann kreischt der Laptop und zeigt eine Einsatzmeldung an. Hitzekollaps in einem Park in der Nähe. Eine Drehleiterbesatzung leistet Erste Hilfe, ein Rettungswagen mit zwei EMT-B’s (vergleichbar mit Rettungssanitätern) ist unterwegs. Craig wird als Paramedic mitalarmiert. Er hat den kürzesten Weg.

 
Doch alles halb so schlimm. Die Frau bekommt genug zu trinken, ins Krankenhaus will sie ohnehin nicht. In der Nähe kippen noch zwei weitere Leute um. 37 Grad verträgt nicht jeder. Schnell sind alle versorgt, transportiert wird keiner. Bis in die Nacht bleibt es ruhig. Um ein Uhr morgens gilt es einen Betrunkenen zu überzeugen, dass er wegen seiner Kopfplatzwunde besser mit ins Krankenhaus fährt. Der 25-Jährige schreit, schlägt um sich, weint. Er will nicht, weil er es sich nicht leisten kann. Er ist nicht krankenversichert. Auch das ist Amerika.  Schließlich überzeugen ihn zwei Polizisten, die größer sind als er.

Auf dem Rückweg hört Craig am Funk von der Schießerei. Er disponiert sich selbst zu diesem Einsatz. Als Supervisor kann er das. So kann er auch kontrollieren, ob die Rettungswagen-Besatzungen gute Arbeit leisten.  Die beiden Schwerverletzten werden bereits versorgt, als er eintrifft. Craig verschafft sich einen Überblick, ob nicht noch irgendwo ein Verletzter liegt. Allen ist nicht wohl, der Schütze könnte noch in der Gegend sein. Der Südosten der US-Hauptstadt gilt als sehr gefährlich. Deshalb geht alles recht schnell. „Bis vor ein paar Jahren war ich hier nur mit kugelsicherer Weste“, erzählt Craig auf der Rückfahrt. Ein paar Tage später steht Craig bei einer Wahlkampfveranstaltung. Präsenz zeigen. Er ist leicht genervt, ein Alarm erlöst ihn. In einer kleinen Wohnung liegt ein 66-Jähriger am Boden, er atmet noch vier Mal pro Minute. Sanitäter eines Löschfahrzeuges leisten bereits Erste Hilfe. Sauerstoffmaske, ab in den Rettungswagen. Craig intubiert den alten Mann, legt eine Infusion in die Halsvene. Er spritzt Narcanti, das Gegenmittel gegen Opiate, wie zum Beispiel Morphium. Die Medikamente sind praktischerweise alle in Fertigspritzen. „Geht schneller und es muss weniger mit Nadeln hantiert werden. Das verhindert Verletzungen“, erklärt Craig.

Während es mit lauter Sirene Richtung Krankenhaus geht, wird der Patient wieder wacher. Craig hatte den richtigen Riecher. Der Patient hatte tatsächlich zu viele Morphium-Tabletten genommen. Vom Alarm bis zur Notaufnahme dauert es gerade mal 30 Minuten. Versorgung geht in Washington schnell. Nur das Nötigste, schnell in die Klinik, dort wartet der Arzt. Bilanz nach zwei Schichten und 48 Stunden Dienst: über 20 Einsätze, zahlreiche Leben gerettet, vier "Slurpees" getrunken und viel zu viel gegessen. "Jetzt noch ein bayerisches Bier und ich wäre glücklich", scherzt er. Wohlwissend, dass er nach seiner Herz-OP vergangenes Jahr wohl darauf verzichten müsste.

Hintergrund:
Die Hauptstadt der USA hat etwa 600 000 Einwohner. 33 Feuer- und Rettungswachen stellen die Notfallversorgung sicher. Rund 160 000 Einsätze pro Jahr müssen sie abarbeiten. Im US-Rettungsdienst wird dabei zwischen zwei Einsatzarten unterschieden: ALS und BLS-Calls. BLS steht für „Basic Life Support“ und bezeichnet Einsätze, die keinen Paramedic erfordern. ALS steht für „Advanced Life Support“. Hier kommt immer ein Paramedic mit zum Einsatz. In Deutschland wären dies Notarzteinsätze. In Washington sitzen Paramedics aber nicht nur auf den Rettungswagen. Teils bringen Löschfahrzeuge oder Drehleitern die Spezialisten, teils kommt der Chef in Form des "EMS Supervisor". Je nachdem wer am schnellsten am Einsatz ist.  Krankentransport wie in Deutschland gibt es in dem Sinne nicht. Wer kann fährt noch mit dem Taxi ins Krankenhaus, ansonsten kommt die Ambulanz. Auch schon mal wegen Schnupfen und Husten. Denn die US-Disponenten in den Einsatzzentralen schicken immer den Rettungswagen - die Gefahr verklagt zu werden, wenn sie keinen schicken würden, ist zu groß. Zwei Vorteile haben Paramedics noch in Washington. Zum einen verdienen sie mehr als ihre deutschen Kollegen. Rund 60 000 Dollar pro Jahr sind das Einstiegsgehalt. Wer zudem 25 Jahre im Dienst und mindestens 50 Jahre alt ist, kann in Rente gehen. Die meisten bleiben jedoch 30 Jahre. Dann bekommen sie den höchsten Rentensatz.

Bilder und Bericht: Peter Astashenko     
ILS Nordoberpfalz 2018 | Impressum | Telefon: +49 (961) 38833-0 | leitung@ils-nordoberpfalz.de