Zweckverband für Rettungsdienst und
Feuerwehralarmierung Nordoberpfalz

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Meldung vom 04.06.2010 00:00:00
Reportage: An Bord von „Christoph Regensburg“

14.06.2010 - Langsam piepst der Kasten im Eck. Wie der Trommler auf einer altrömischen Galeere scheint er die Personen rund um das Bett antreiben zu wollen.  Doch die Frau auf dem weißen Laken bekommt davon nichts mit. Schlaff, die Haut leicht grau, dem Tod näher, als dem Leben. Knallrotes Blut, das beunruhigend in einen Beutel tropft, setzt einen Farbpunkt im sonst sterilen Weiß. Wegen des Beutels ist gerade der Rettungshubschrauber „Christoph Regensburg“ neben dem Weidener Klinikum gelandet. Denn die Frau soll nicht sterben.

Eine halbe Stunde zuvor: Vom Luftrettungszentrum, direkt neben der Uniklinik in Regensburg gelegen, schweift der Blick ins Tal. Rettungsassistent Stefan Neppl, Notarzt Dr. Martin Kieninger und Pilot Volker Schneider sitzen in der Sonne. Mittagessen wäre jetzt ganz recht. Doch die Frau des Piloten lässt noch ein wenig auf sich warten. Sie kauft es gerade.

Die kleinen beigen Funkempfänger in den Hosentaschen betteln jedoch kreischend um Aufmerksamkeit. Ein Transport steht an. Weiden nach Regensburg. Kieninger geht zum Telefon, um sich in Weiden über den Zustand der Patientin und den Grund der Verlegung zu informieren. Das Arzt-Arzt-Gespräch vor solchen Verlegungen ist Standard. Schneider nimmt im Hubschrauber Platz. Kurzer Check, erst ein leises Surren, dann beginnen die Turbinen mit schmerzendem Lärm zu starten. Als sich der rot-weiße Hubschrauber in den blauen Himmel schwingt, fährt ein Auto auf den Hof – mit dem Mittagessen für die Besatzung. Es wird kalt werden.

Stampfend wühlt sich die „BK117“ durch den Himmel. 21 Jahre ist der Hubschrauber schon alt. Ende Mai kommt der Neue. Doch das alte Arbeitstier leistet zuverlässig Dienst. Mit 200 Stundenkilometern schiebt sich der derzeit einzige Oberpfälzer Rettungshubschrauber durch die Luft. Seit 1994 gibt es die Station an der Universitätsklinik. Der Rettungs- und Intensivhubschrauber ist 24 Stunden besetzt. In Bayern sind dies sonst nur noch zwei andere Helikopter in München und Nürnberg. Dass in Regensburg auch nachts geflogen wird, hat anfangs für viel Diskussion mit den Anwohnern geführt – aber auch vielen Patienten schon das Leben gerettet.

Nach genau 22 Minuten, Landeanflug in Weiden. Es ruckelt, als der Hubschrauber sich die letzten Meter zum Boden hinunter drückt. Pilot Schneider fliegt seit 22 Jahren. Bei der Bundeswehr hat er es gelernt. Seit 18 Jahren retten seine Flugkünste Menschenleben. Fliegen bei dem Wetter: „Kinderspiel“.

Mit dem Rettungswagen geht es noch ein Stück zur Notaufnahme. Mit dabei alle medizinischen Geräte, die gleich gebraucht werden. „Habt ihr schon gehört, Weiden bekommt einen Rettungshubschrauber“, erzählt auf dem Weg zur Intensivstation ein Arzt, der das Team kennt. Das wird später am Tag noch zu Diskussionen führen. Denn auch in Regensburg wurde mit Spannung auf diese Entscheidung gewartet.

Neppl schreibt schnell noch eine SMS.  Als Regionalbeauftragter der Deutschen Rettungsflugwacht (DRF), die auch den Regensburger Hubschrauber betreibt, wird er in den nächsten Wochen viel Arbeit haben. Bei der Ausschreibung um den Betreiber für Weiden, will auch die DRF vorne mit dabei sein. „Keine Frage, wir wollen natürlich die Station haben“, erklärt er siegessicher. 

 „Seid Ihr vom Hubschrauber?“ Die Stimme des Pflegers beendet das Thema vorerst. Neppl und Dr. Kieninger schieben sich ins Behandlungszimmer. Während der Rettungsassistent sich darum kümmert, dass alle Geräte für den Transport angeschlossen werden, bekommt der Notarzt einen umfassenden Einblick in den Zustand der Patientin.

Das Blut im Beutel kommt aus einem Loch im Herzen. Ein Loch, das das Leben der alten Dame gefährdet. Eine Operation muss es verschließen. Herz-Operationen gibt es in Weiden aber nicht. Also muss die Patientin nach Regensburg. Schnell und schonend. Kieninger lässt noch einmal die Lunge röntgen. Sicherheitshalber. Luft dehnt sich in der Höhe aus. Und freie Luft irgendwo im Brustkorb könnte beim Flug zum Risiko werden. Als das „OK“ kommt, geht’s zurück zum Landeplatz. Einladen, Zurückfliegen. Der Zustand der Dame bleibt glücklicherweise stabil. In der engen Kabine wäre wenig Platz für aufwendige Maßnahmen. In Regensburg kommt die Dame gleich auf die Intensivstation.

Seit drei Jahren fliegt Kieninger schon. Und doch ist er auf dem Boden geblieben. Es mache Spaß, es sei spannend, aber sicher keine „Königsdisziplin“, wie oft vermutet werde, erzählt er. „Die Notärzte am Boden sind genauso gefordert wie wir.“ Auch wenn sich das Einsatzspektrum des Hubschraubers eher auf die „schweren Fälle“ beschränke. Aber natürlich gibt es auch hier Einsätze, die eigentlich sinnlos sind. Auf dem Rückweg zur Station erzählt er von einer 85-jährigen Patientin mit einer massiven Hirnblutung, die er kürzlich nachts verlegen musste. „Sie wäre hier wie dort gestorben.“ Zwangsläufig taucht die Frage auf, wann jemand denn in Ruhe sterben darf. „Eine sehr schwierige Frage“, muss Kieninger passen.

Der Berliner Notfallmediziner Michael de Ridder setzt sich in seinem neuen Buch mit dem Sterben auseinander und fordert gar eine neue „Sterbekultur“. Ein Thema, dass auch unter Ärzten für Kontroversen sorgt. Immerhin geht es ja darum, Leben zu retten. Doch zu welchem Preis?

An Bord von „Christoph Regensburg“ sicher eine Frage, der man sich oft stellen müsste. Doch der Erfolg gibt ihnen auch wieder Recht, alles zu versuchen. Allein 2009 war der Hubschrauber 1145 Mal gefordert. Immer öfter auch zu so genannten „Primäreinsätzen“ – also Einsätze, bei denen es direkt zur Einsatzstelle geflogen und nicht von Klinik zu Klinik verlegt wird. Einsätze, bei denen es oft um Leben und Tod geht. Ein Kampf, den jeder gewinnen möchte. Und die Regensburger gewinnen oft.



Am späten Nachmittag ist es wieder soweit. In einem Nachbarort von Regensburg wurde ein Fahrradfahrer von einem Auto erfasst. Er liegt auf dem kalten Teer, war bewusstlos. Passanten haben ihn zugedeckt. Die Scheibe des Autos zertrümmert, das Fahrrad zerstört. Auf einem nahen Acker findet sich ein Landeplatz für den DRF-Hubschrauber. Zu Fuß geht es die letzten Meter bis zum Unfall. Trotzdem sind Neppl und Kieninger noch vor dem Rettungswagen da. Nacken stabilisieren, Infusion, Schmerzmittel. Der Helm hat schlimmeres verhindert. Aber was an der Wirbelsäule ist, kann keiner genau sagen. Also wird aus der Fahrradtour des Mannes ein Flug in die Uniklinik. 35 Minuten nach seinem Unfall wird er schon in der Notaufnahme versorgt und sicher wieder gesund – auch dank der schnellen Hilfe aus der Luft.



Bilder und Text von Peter Astashenko

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